Das geistliche Amt in der orthodoxen Kirche

Drei Hilfsmittel zur Abwehr von Irrlehren entwickelte die alte Kirche:

  1. den Kanon der Schriften des Neuen Testaments
  2. die in Glaubensbekenntnissen festgehaltene Tradition der kirchlichen Lehre
  3. und das Amt als "Aufseher" ("Episkopoi"), der Bischöfe, die sich in der rechtmäßigen Nachfolge der Apostel wussten.

Das Amt der Bischöfe gewann auch deshalb besondere Bedeutung, weil durch sie das Hirtenamt Jesu verkörpert wurde und sie oder die von ihnen beauftragten Priester rechtmäßig das Mahl des Herrn mit den Gemeinden feiern durften. Der Bischof wurde so zum Gleichnis für die Herrschaft  Christi in der Gemeinde – eine Gemeinde ohne einen Bischof oder einen von ihm beauftragten Priester gilt als Herde ohne Hirte.

Das wird auch im gottesdienstlichen Ornat des Bischofs deutlich: Um die Schulter trägt er eine breite Stola, das „Omophorion“. Dies soll an den guten Hirten erinnern, der das verlorene Schaf sucht und es auf seinen Schultern nach Hause trägt. Die Mitra des Bischofs ist der byzantinischen Kaiserkrone nachgebildet als Hinweis darauf, dass die Sorge für das ewige Heil, die dem Bischof anvertraut ist, den gleichen Rang besitzt wie die Verantwortung des Kaisers für das irdische Wohl. Im Gottesdienst spendet der Bischof den Segen mit Leu chtern, die zwei und drei Kerzen tragen als Hinweis auf die zwei Naturen Christi (wahrer Mensch und wahrer Gott) und die Dreieinigkeit Gottes.

Bischöfe werden durch die Wahl der Synode der jeweiligen autokephalen (selbständigen) Kirche in ihr Amt gerufen. Sie müssen Mönche sein. Besondere Amtsbezeichnungen von Bischöfen wie Metropolit, Erzbischof oder Patriarch drücken nur die Unterschiede in der Verwaltungsfunktion aus oder sind Ehrentitel – Rangunterschiede in der Bischofsweihe gibt es in der orthodoxen Kirche nicht.

 

Beauftragter des zuständigen Bischofs in einer Gemeinde ist der Priester. Zeichen dieser Beauftragung ist das „Antiminsion“, ein Tuch, das eine Reliquie enthält und die Unterschrift des Bischofs trägt. Nur wenn dieses Tuch auf dem Altar liegt, darf die Liturgie gefeiert werden. In der gottesdienstlichen Kleidung ist das Zeichen der Priesterwürde das „Epitrachilion“, eine um den Hals gelegte vorn zusammengenähte Stola, die mit sieben Kreuzen geschmückt ist. Für manche gottesdienstlichen Pflichten genügt das Anlegen des Epitrachilions, zur Feier der Liturgie trägt der Priester darüber das „Phelonion“. Das ist ein ärmelloser Umhang, der aus einem Stück gearbeitet wurde wie der Mantel Jesu.

 

Gehilfe des Priesters im Gottesdienst, dem die Lesungen, viele Gebete, das Räuchern und viele andere Dienste übertragen sind, ist der Diakon. Er trägt ein „Sticharion“, ein mit Ärmeln versehenes langes Gewand, und darüber das „Orarion“ (Gebetstuch), eine schmale Stola.

Nur wenige Gemeinden können sich die Anstellung eines Diakons leisten.

 

Priester und Diakone dürfen  vor ihren Weihen heiraten. Wer sich unverheiratet weihen lässt, entscheidet sich damit für den Mönchsstand. Die Aufnahme in den Mönchsstand ist allerdings mit einer besonderen Weihe verbunden, die unabhängig von der Weihe der Kleriker ist.

 

 

Aus der Geschichte des ostkirchlichen Mönchtums

Die Heimat des christlichen Mönchtums ist Ägypten. Antonius (+356) wurde als Eremit zum Vorbild vieler Menschen, die in Askese und schroffer Abkehr von der Welt die Nähe Gottes suchten. Etwa gleichzeitig gründete Pachomius das erste Kloster mit einer gemeinsamen Lebensordnung. Es stand unter Leitung eines Abtes. Neben der Teilnahme am gottesdienstlichen Leben waren die Mönche zum Studium der Heiligen Schrift und zu körperlicher Arbeit verpflichtet. Es gab Männer- und Frauenklöster.

 

Beide Grundformen des Mönchtums, die Einsiedlerfrömmigkeit des Antonius und die koinobitische  klösterliche Lebensform (Koinobion = gemeinsames Leben) sind bis heute in der Ostkirche lebendig geblieben.

 

Großen Einfluss auf die Gestaltung des ostkirchlichen Klosterlebens hatte Basilios von Caesarea in Kappadozien (+379). Er sah in der Mönchsgemeinde das Abbild des Leibes Christi, in dem die geistlichen Gaben des Einzelnen der Gemeinschaft zugute kommen. Das Mönchsleben vollzieht sich in regelmäßigem Wechsel von Gebet und Arbeit. Die Arbeit dient gleichzeitig der Askese und der barmherzigen Hilfe für bedürftige Mitmenschen. Als wichtiges Hilfsmittel des Lebens wird die Beichte empfohlen.

 

963 gründete Athanasios das erste Kloster auf dem Berg Athos. Seither wurde diese Halbinsel zum Zufluchtsort für Mönche aus dem ganzen Verbreitungsgebiet der orthodoxen Kirche und zum Vorbild für viele Klostergründungen auf dem Balkan und in Russland. Gegenwärtig leben etwa 1200 Mönche auf dem Athos.

 

Besondere Bedeutung gewannen die Mönche in der orthodoxen Kirche als Beichtseelsorger. Bis ins 13.Jahrhundert war dieser Dienst nicht an die Priesterweihe gebunden. Als die Kirche den Laienmönchen  die Verwaltung des Bußsakramentes verschloss, setzten Priestermönche diese Tradition fort. In den russischen „Starzen“ („Greise“, geistliche Väter) lebte aber noch lange die Überzeugung weiter, dass das Wirken des Geistes Gottes in der Seelsorge und im Zuspruch der Vergebung weniger von einem kirchlichen Amt als von der persönlichen Nähe des Beichtvaters zu Gott abhängig ist.

 

Besonders wichtig war den Mönchen seit alter Zeit die Bilderfrömmigkeit –  verstanden sie doch ihre eigene Existenz als Nachbildung der Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern und als Abbild der künftigen vollkommenen Gemeinschaft der Menschen mit Gott. Als byzantinische Kaiser mit Gewalt die Bilderfrömmigkeit ausrotten wollten, haben die Mönche, teilweise recht handgreiflich,  die Ikonen verteidigt. Das Malen von Ikonen ist bis heute eng mit der Mönchsfrömmigkeit verbunden. Auf dem Athos entstand ein Malerhandbuch, das in seinen Regeln dem Grundgedanken Rechnung trägt, dass zwischen dem gemalten Bild und seinem himmlischen Urbild eine enge Beziehung besteht.

 

Als die orthodoxe Kirche dazu überging, als Voraussetzung für das Bischofsamt die Ehelosigkeit zu fordern, gewann das Mönchtum für das Leben der Kirche eine weitere große Bedeutung. Aber gerade auch die Mönche, die nicht in eine kirchenpolitische Verantwortung eingebunden waren, haben der Kirche wichtige Dienste geleistet. Unbeeinflusst von tagespolitischen Notwendigkeiten haben Mönche gegen Übergriffe des byzantinischen und russischen Staatskirchentums am geistlichen Erbe der Kirche festgehalten. In der Zeit der Überflutung orthodoxer Länder durch den Islam erwiesen sich die Klöster als Zuflucht und immer wieder neue Kristallisationskerne des christlichen Glaubens. Viele Klöster entwickelten auch eine lebendige Diakonie und Sozialarbeit. Heute ist der Nachwuchs vor allem in den Männerklöstern geringer als früher – aber immer noch gelten Klöster als Kraftreserve der Kirche für schwere Zeiten.