Kirchengebäude - Einführung

Die Umgebung, in der ein Mensch lebt, seine Lebensumstände und die Räume, in denen er sich aufhält, haben einen wesentlichen Einfluss auf sein Befinden und Denken. Das orthodoxe Kirchengebäude soll den Menschen helfen, die Begegnung mit Gott zu erfahren.

Schon der Aufbruch von zu Hause, der Weg zur Kirche ist ein Stück Vorbereitung der Begegnung. Die äußere Form des Kirchengebäudes weist den Menschen darauf hin, was ihn im Gottesdienst erwartet. Er sieht die Kuppel, die symbolisch den Himmel darstellt – er wird im Gottesdienst dem Herrn des Himmels und der Erde begegnen. Oft sieht man um eine zentrale Kuppel herum vier kleinere Kuppeln angeordnet – die zentrale Kuppel soll an Christus erinnern und die vier kleineren Kuppeln an die Evangelisten, die Verkünder seiner Botschaft.

 

Die ersten Kirchenbauten im römischen Reich orientierten sich in der Regel am Grundtyp der „Basilika“, der „königlichen Halle“, einem Mehrzweckbau. In Syrien und Palästina war aber der Typ einer Zentralbau-Kirche auf kreuzförmigem Grundriss entstanden. In der Hagia Sophia (erbaut von Kaiser Justinian 532-537) und anderen bedeutenden Kirchenbauten in Konstantinopel wurde das Vorbild der orientalischen Kreuzkuppelkirche aufgenommen. An diesen Kirchen in Konstantinopel orientierte sich später die Kirchenbautradition der orthodoxen Völker.

 

Die Form der Kreuzkuppelkirche verband sich mit einer eindrucksvollen theologischen Deutung: Die zentrale Kuppel wird zum Sinnbild des Himmels, der Raum der Kirche zum Ort der Begegnung mit Gott – also zum Abbild des Himmels auf Erden. Die Kirche ist gegliedert in den Vorraum (Narthex), der für die noch nicht Getauften bestimmt war, in den Zentralraum unter der Kuppel als Ort der Gemeinde und  das Allerheiligste hinter der Bilderwand (Ikonostase), das dem Menschen aus eigener Vollmacht nicht zugänglich ist (nur von Gott berufene, also geweihte Personen dürfen den Altarraum betreten). Der Altar gilt als Thron Gottes und von hier aus vollzieht sich die Begegnung Gottes mit den Menschen.

 

Die Grundform des orthodoxen Kirchenbaus, die sich von Konstantinopel aus im ganzen Einflussbereich der Ostkirche verbreitete, wurde oft unter Beibehaltung der Grundgedanken abgewandelt.

 

In Russland hat man die Symbolsprache der zentralen Kuppel erweitert. Sie stellt nicht mehr nur den Himmel dar als Symbol der Begegnung Gottes mit den Menschen. Die Kirche ist auch der Ort der dankbaren Antwort des Menschen in Gebet und Lobpreis. Zeichen des Gebets sind in den orthodoxen Kirchen die Kerzen. Wie Kerzenflammen erheben sich die Zwiebelkuppeln  russischer Kirchen über den Gebäuden – ein Hinweis, dass die Gemeinde mit Gebet und vor Freude brennenden Herzen auf die Begegnung mit Gott antwortet. Auch an die Pfingstgeschichte sollen diese Kuppeln erinnern, in der berichtet wird, dass der Heilige Geist „wie Feuerzungen“ auf die erste Gemeinde ausgegossen wurde.

 

 

 

Ikonen – Das Bild als Offenbarungsmittler

In der ältesten Christenheit galt noch das mosaische Verbot des Gottesbildes. Aber mit der Zeit fing man an, symbolische Darstellungen für Christus zu verwenden (Hirte, Lamm, Kreuzeszeichen). Im Zusammenhang mit der christologischen Entwicklung (Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch) hat man dann die Symbole durch Porträtdarstellungen ersetzt. Die Jesus-Darstellungen werden in der Abgar-Legende von Edessa auf ein nicht von Händen gemaltes Bild zurückgeführt. Jesus selber habe den Gesandten Abgars sein heilungskräftiges Bild mitgegeben, das entstand, als er sein Gesicht in ein Tuch drückte.

Unter dem Eindruck der Auseinandersetzung mit dem bilderfeindlichen Islam verbot Kaiser Leo der Isaurier 726 die Bilderverehrung mit der Begründung, die Abendmahlselemente seien das einzige rechtmäßige „Bild“ des Erlösers. Die Christusbilder verschwanden auch von den Münzen des byzantinischen Reiches und wurden durch Kaiserbilder ersetzt.

Die theologische Begründung der Bilderverehrung in dem durch das Verbot ausgelösten Streit formulierte Johannes von Damaskus, ein Laie und Inhaber eines hohen Staatsamtes am Hof des Kalifen (!):

 

  1. Für den Schöpfungsglauben ist alles Irdische ein Bild Gottes. Freilich kann nur der menschgewordene Gott (Jesus) abgebildet werden, für die Darstellung Gottes des Vaters gilt das mosaische Bilderverbot weiterhin.
  2. Durch leibliche Anschauung steigt der Mensch zu einer geistlichen Anschauung auf – das gilt für die Verehrung von Kreuz, Bibel, Abendmahlselementen genauso wie für die Verehrung von Bildern.
  3. Es ist zwischen Anbetung, die nur Gott gilt, und Verehrung, die auch Bildern dargebracht werden kann, zu unterscheiden.

Diese Argumente des Johannes Damascenus wurden auf dem 7.Ökumenischen Konzil in Nicäa die Grundlage der Entscheidung für die Bilderverehrung.

Auf dieser Grundlage entfaltete sich die Ikonentheologie der orthodoxen Kirche. Die Ikone vermittelt für den orthodoxen Christen die gleiche authentische Offenbarung wie das biblische Wort – es ist gleichrangig, ob die Kirche nun die ihr anvertraute Wahrheit ins Akustische oder ins Optische hinein bezeugt. Falsche Bilder sind damit ebenso gefährliche Irrlehre wie falsche Worte. Das Zeugnis der Bilder soll sich genauso von der Bildsprache der Welt abheben, wie sich das Zeugnis der Bibel von weltlicher Literatur unterscheidet. Wie die Worte der Bibel durch den Kanon der Kirche festgelegt sind, so gibt es auch eine Festlegung für die Bilder. Denn jedes Bild hat außer dem äußeren Anschein noch eine zweite Realität. Jede kanonische Ikone ist zu gleicher Zeit ein historisches Zeugnis und ein Bild des Reiches Gottes, eine Offenbarung der Herrlichkeit der kommenden Welt.